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interview

Hannes Tschürtz

Ink Music

Ich betreibe die Agentur Ink Music, die ich 2001 gegründet habe. Wir decken mit einer Gruppe wunderbarer Menschen viele Arbeitsbereiche im Management, als Booking-Agentur, als Label und als Verlag ab. Foto von Elisabeth Anna

Hannes Tschürtz

Wo lebst du?

Ich bin im guten alten Wien zuhause.

Wo arbeitest du? Was machst du?

Ich betreibe die Agentur Ink Music, die ich 2001 gegründet habe. Wir decken mit einer Gruppe wunderbarer Menschen viele Arbeitsbereiche im Management, als Booking-Agentur, als Label und als Verlag ab. Bei uns dreht sich vieles um Artist Development: Wir unterstützen KünstlerInnen in ihrer beruflichen Weiterentwicklung und wollen ihren geographischen Wirkungsbereich erweitern. Unser Label hat mehr als 100 Platten veröffentlicht; das Live Department bucht und veranstaltet zwischen 300 und 400 Shows im Jahr. Dazu konzipieren und kuratieren wir eine Reihe von Festivals und beraten Unternehmen, Institutionen und Kommunen. Daraus entstanden sind auch Weiterbildungsangebote für die Musikwirtschaft, die hier in Österreich in den letzten Jahren enorm gewachsen ist. Persönlich bin ich hauptsächlich im KünstlerInnen-Management tätig und kümmere mich um die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens. Ich bin in der schönen Lage, ein echter Fan der Leute zu sein, mit denen ich arbeite – etwa Leyya, Schmieds Puls (Mira Lu Kovacs) oder Lou Asril.

Welche Musik hörst du?

Aktuell habe ich eine seltsame Phase der Wiederentdeckung alter 70er-Jahre Soul-Platten aus der Motown-Ära und darüber hinaus und auch von klassischen 60er-Jahre Jazz-Aufnahmen (Coltrane! Getz/Gilberto! Davis! Chet Baker!). Das passt jetzt nicht unbedingt mit dem zusammen, was wir im Unternehmen machen.
Ich muss zugeben, dass mich neue Musik nicht mehr so schnell zu begeistern vermag. Aber wenn, dann bin ich umso mehr überrascht, wie gut ich gut gemachten Pop finden kann – etwa Sigrid. Ich habe Janelle Monae’s letzte Platte und Little Simz’ Neue sehr gut gefunden; Vampire Weekend sind eine alte Liebe, und meine liebste aktuelle Neuentdeckung ist Angie McMahon.

Wie entdeckst du neue Musik?

Es gibt diese unfassbar gute Radiostation hier – FM4 – die seit jeher einen fantastischen Job macht, interessante Musik aus fast allen Genres herauszufiltern. Man hat dort ein sehr buntes Team mit vielen Spezialsendungen aus den Nischen, baut ein DJ-Set am Nachmittag ein oder spielt Gilles Peterson’s Worldwide Show – Zuhören ist wirklich bereichernd und abwechslungsreich.
Einige Spotify-Playlisten tun’s auch, aber ich finde es schwieriger, mich komplett ohne Kontext und Vorstellung für neue Künstler zu begeistern. Und schließlich sind es vor allem persönliche Empfehlungen aus dem Umkreis – nicht unbedingt die Social Media-Welt-Tipps, sondern die der Freunde.

Auf welchem Format hörst du normalerweise? LP, CD, MC, Digital, Streaming? Warum?

Pfuuuh. Ich habe ewig als DJ aufgelegt, aber den Großteil meiner Sammlung schon lange nicht mehr angegriffen. Ich glaube ich habe auch keinen funktionierenden CD-Player mehr. Die Convenience von Spotify ist da ziemlich unschlagbar. Für ein gemütliches Abendessen packt man dann schon einmal eine bestimmte Vinyl aus. Ich sammle nicht mehr so viel, aber nehme sehr gerne Vinyls mit nach Hause, wenn ich ein Konzert besonders gut fand oder die Band sehr mag.

Wo hörst du meistens Musik?

Am liebsten höre ich Musik während langweiliger Haushaltstätigkeiten wie Geschirrspülen, Staubsaugen oder Aufräumen. Dann fühlt sich beides ein bisschen wie eine Belohnung an.

Wie findest und hörst du unveröffentlichte Musik?

Wir bekommen viele Demos bei Ink Music, natürlich auch viel Unveröffentlichtes von unseren KünstlerInnen. Soundcloud ist sehr praktisch für so etwas und ist mir wesentlich lieber als der klassische Download. Um neue Musik zu finden braucht man ein offenes Ohr für Empfehlungen, besonders bei und rund um Festivals, die man besucht. Und natürlich hält man seine Augen auf bestimmten Lieblingskanälen offen – sei es Radio, Facebook oder Playlisten.

Was nervt am digitalen Musikhören? Gibt es Vorteile?

Geheime Download- oder Streaming-Links, die sich von einem Tag auf den anderen ändern, die du verlierst oder vergisst. Wenn etwa ein Künstler einen Track verändert, löscht und dann woanders neu hochlädt. Nervt.

Wie behältst du den Überblick über die Musik, die du hörst?

Kann man das? Ich mochte last.fm früher gerne, aber das ist für das “Geschäftliche” nicht wirklich geeignet. Also muss ich mich mit Bookmarks für E-mails und Browser-Pages begnügen.

Empfiehlst du anderen Leuten neue Musik? Wie?

Natürlich! Und auch nicht nur “meine” Musik aus dem Unternehmen. Ich rede gerne mit meinen KünstlerInnen über Musik und dann schmeißen wir Bands hin und her: Ich schwärme dann von einer alten Herbie Hancock-Platte, die einmal die Trailer-Musik für “Die großen 10” (das österreichische “Top of the Pops”) war oder von einer Talking Heads-Platte aus 1980, wenn ich meine, das könnte ihnen gefallen. Und sie finden das dann umgekehrt in neuer Musik wieder, die ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Das macht sehr viel Spaß!

Hast du etwas zu “promoten”?

Du würdest nicht glauben, wie dicht, vielseitig und großartig die österreichische Musiklandschaft dieser Tage ist – ich kann nur empfehlen, ganz tief reinzugraben. Du musst dir unbedingt diesen 19jährigen Wahnsinnstypen Lou Asril anhören. Du wirst jedes einzelne Stück von Leyya feiern und alles, was Mira Lu Kovacs angreift. Sie hat viele Projekte, aktuell kommt Neues von der unfassbar guten, schräg-experimentellen Band 5K HD. Ich könnte leicht und locker 50 Empfehlungen aussprechen. Wien ist HOT!

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